Wenn alles zu laut wird: Warum Tinnitus so oft Frauen betrifft
Viele Frauen, die mit Tinnitus in meine Praxis kommen, beschreiben ihr Erleben mit fast denselben Worten:
„Es ist zu viel.“
Zu viel Verantwortung.
Zu viele Erwartungen.
Zu wenig Raum für sich selbst.
Tinnitus ist dabei selten „nur“ ein Ohrgeräusch. Er ist oft Ausdruck einer inneren Überlastung und genau hier zeigt sich, warum Frauen besonders häufig betroffen sind.
Dauer-Multitasking vieler Frauen
Frauen stemmen heute oft gleichzeitig Familie, Kinder, Partnerschaft, Beruf und Haushalt. Sie organisieren, planen, kümmern sich, denken voraus, emotional wie praktisch. Selbst wenn Aufgaben offiziell „geteilt“ sind, bleibt die mentale Verantwortung häufig bei ihnen.
Der Körper läuft dabei lange im Hochleistungsmodus. Stress wird ausgehalten, Müdigkeit ignoriert, Warnsignale überhört. Bis irgendwann etwas nicht mehr mitmacht.
Manchmal meldet sich dieser Punkt nicht als Rückenschmerz oder Erschöpfung, sondern als Tinnitus.
„Ich halte das schon aus“: Ein erlerntes Muster
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die innere Haltung, mit der viele Frauen aufgewachsen sind: Rücksicht nehmen. Stark sein. Nicht zur Last fallen. Für andere da sein.
Viele Frauen haben nie wirklich gelernt, ihre eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen, oder sie überhaupt wahrzunehmen. Stattdessen werden eigene Grenzen überschritten, oft leise und schleichend. Der Satz „Ich muss da jetzt durch“ ist für viele zur Normalität geworden.
Tinnitus kann in diesem Zusammenhang wie ein innerer Stopp-Knopf wirken. Ein Signal des Nervensystems: So geht es nicht weiter.
Wenn Gefühle keinen Raum bekommen
In meiner therapeutischen Arbeit zeigt sich immer wieder: Unter dem Tinnitus liegen oft nicht verarbeitete Emotionen. Überforderung. Ärger. Traurigkeit. Hilflosigkeit. Gefühle, die keinen Platz hatten, weil keine Zeit war oder weil man funktionieren musste. Gerade Frauen neigen dazu, Emotionen eher nach innen zu richten. Statt Wut zu äußern, wird sie geschluckt. Statt Grenzen zu setzen, wird ausgehalten. Das Nervensystem bleibt dauerhaft angespannt und genau diese chronische innere Alarmbereitschaft kann Tinnitus begünstigen oder aufrechterhalten.
Der Körper spricht, wenn die Stimme fehlt
Tinnitus ist kein Zeichen von Schwäche. Im Gegenteil.
Er ist oft das Ergebnis von zu viel Stärke über zu lange Zeit.
Der Körper übernimmt dann die Aufgabe, auf etwas aufmerksam zu machen, das innerlich lange ignoriert wurde. Das Ohr wird zum Sprachrohr eines Systems, das Entlastung braucht.
Neue Wege im Umgang mit sich selbst
Ein wichtiger Schritt im Umgang mit Tinnitus, gerade für Frauen, ist nicht nur die Arbeit am Symptom, sondern die ehrliche Frage: Wo übergehe ich mich selbst?
Das kann bedeuten:
· eigene Bedürfnisse wieder wahrzunehmen,
· Grenzen zu setzen, auch wenn es ungewohnt ist,
· Verantwortung abzugeben,
· sich selbst dasselbe Mitgefühl zu schenken wie anderen,
· alte emotionale Belastungen aufzuarbeiten.
Methoden wie EMDR können dabei helfen, belastende innere Muster und Erfahrungen zu lösen, das Nervensystem zu beruhigen und wieder mehr innere Sicherheit zu schaffen.
Tinnitus als Einladung
So unangenehm Tinnitus ist, er kann auch eine Einladung sein. Eine Einladung, genauer hinzuhören. Nicht nur auf das Geräusch, sondern auf sich selbst. Viele Frauen berichten im Verlauf meiner Arbeit, dass der Tinnitus der Punkt war, an dem sie begonnen haben, ihr Leben neu auszurichten: weniger Anpassung, mehr Selbstfürsorge. Weniger „Ich muss“, mehr „Ich darf“. Und genau dort beginnt oft die echte Veränderung. Nicht, weil der Tinnitus „wegtherapiert“ werden muss, sondern weil Frauen beginnen, sich selbst ernst zu nehmen. Weil sie lernen, die feinen inneren Signale früher wahrzunehmen, bevor der Körper sie lauter machen muss. Veränderung entsteht, wenn das ständige Funktionieren hinterfragt wird und neue, gesündere innere Erlaubnisse entstehen: Pausen machen zu dürfen. Nein sagen zu dürfen. Hilfe anzunehmen. Den eigenen Bedürfnissen Raum zu geben, ohne Schuldgefühle.
Tinnitus kann in diesem Prozess zu einem wichtigen Wegweiser werden. Nicht als Gegner, sondern als Hinweisgeber des Nervensystems. Als Einladung, alte Rollenbilder, innere Antreiber und übernommene Erwartungen zu überprüfen. Viele Frauen erleben im Laufe dieser Arbeit nicht nur eine Entlastung ihres Tinnitus, sondern auch mehr innere Ruhe, Klarheit und Selbstverbundenheit. Der Klang im Ohr verliert an Macht, wenn das eigene Leben wieder in Balance kommt und wenn Frauen beginnen, sich selbst genauso aufmerksam zuzuhören wie all den anderen um sie herum.
Über mich
Ich bin Katharina Seedorf, Coach und Therapeutin mit dem Schwerpunkt EMDR. In meiner Arbeit begleite ich Menschen mit Tinnitus, besonders Frauen, die spüren, dass hinter dem Ohrgeräusch mehr steckt als ein rein körperliches Symptom. Gemeinsam mit meinem Mann Boris arbeite ich in der Tinnitus-Praxis Seedorf in Ahrensburg. Dort schaffen wir Raum für Ursachenforschung, Entlastung und nachhaltige Veränderung.
Wenn du dich in diesem Text wiederfindest und den Wunsch hast, deinen Tinnitus nicht nur zu „bekämpfen“, sondern besser zu verstehen, begleite ich dich gern ein Stück auf diesem Weg. In einem geschützten, wertschätzenden Rahmen schauen wir gemeinsam darauf, was dein Nervensystem braucht, um wieder zur Ruhe zu kommen und was dich dabei unterstützen kann, dir selbst wieder mehr Gehör zu schenken.
Podcast „In this together“
Über das Thema Frauen und Tinnitus habe ich ausführlich mit Estella Sophia Rohrmüller in ihrem Podcast „In This Together“ gesprochen. Der Podcast widmet sich Frauengesundheit und den Themen, die Frauen im Innersten bewegen. Wenn du tiefer eintauchen möchtest, findest du dort weitere Gedanken, Erfahrungen und Impulse. Hör gerne mal rein:
Herzlich,
Katharina Seedorf